Ein modernes Forst-Märchen!

von Georg Jehle

Willibald der Borkenkäfer

Es war Frühling, das heißt, eigentlich war es noch Winter, aber der Frühling stand vor der Tür, und die ersten warmen Tage standen bevor. Und mit der kommenden Wärme erwachte auch das Leben im Wald und in den Bäumen: Die Borkenkäfer erwachten aus ihrer Winterstarre! Einer von ihnen hieß Willibald und er war noch ganz klein. Borkenkäfer sind ja sowieso ganz klein, aber dieser war noch ganz jung und deshalb besonders klein, gerade so fünf Millimeter groß, und seine Flügeldecken waren noch ganz weich und hellbraun. Unter einer Rindenschuppe an einer alten Fichte hatte er die kalte Jahreszeit unbeschadet überstanden  - kein Specht und auch keine Schlupfwespe hatten ihn entdeckt. Noch ziemlich verschlafen rieb er sich jetzt mit seinen sechs Beinen die Augen und blinzelte hinaus in den Fichtenwald. „Juchhu“ rief er und flog als erstes hinauf in die grünen Fichtenkronen um sich dort erst mal gründlich satt zu fressen am frischen Grün.

Nach ein paar Tagen war er schon größer, seine Flügeldecken waren dunkelbraun und ganz hart geworden und außerdem wurde es ihm langweilig - so ganz alleine. Manchmal sah er andere Käfer vorbeifliegen, aber keiner nahm Notiz von ihm. „Warum will denn keiner mit mir spielen?“,  fragte er seine Mutter. „Weil du noch nicht genug stinken tust!“, antwortete diese,  „Aber warte nur ab, das kommt schon noch!“ Aber Willibald wollte nicht warten und so aß er besonders oft Bohnen, Zwiebeln und Knoblauch - um kräftig zu stinken, aber es half nichts. Nicht einmal ein Mistkäfer, der sich immer als ‘Rosenkäfer’ vorstellte, wollte mit ihm spielen, geschweige denn ein anderer Borkenkäfer.

Fast wurde Willibald schwermütig, da hatte er eine Idee: Vielleicht sollte er sich einfach irgendwie beschäftigen, ablenken, irgend etwas arbeiten um auf andere Gedanken zu kommen, aber was?  Da ihm nichts Besseres einfiel, fing er einfach an in die Rinde einer alten Fichte ein Loch zu bohren.

Zuerst versuchte er es unten am Stammfuß, wo er unter der Rindenschuppe überwintert hatte, aber die Rinde war ihm zu hart. Dann versuchte er es oben in der Krone, wo die Rinde ganz dünn ist, aber da waren überall dicke Äste, die ihn störten. Schließlich fand er, dass dort, wo am Stamm die ersten grünen Äste saßen - also so ungefähr in zwei Drittel der Baumhöhe - der ideale Platz sei. Und tagelang sägte und bohrte er nun mit seinen scharfen Zähnen in der Fichtenrinde, so dass er mächtig ins Schwitzen kam. Aber die Fichte begann sich zu wehren und sobald Willibald ein kleines Stück weiter in die Rinde hinein vorankam, spritzte ihm klebriges Harz entgegen. Aber das machte unseren Willibald nur noch wilder, und wie ein Besessener bohrte er weiter und schwitzte und sägte und schwitzte noch mehr und wurde immer klebriger dabei. Und dann ist ihm im Eifer des Gefechtes auch noch ein unkontrollierter Pubser entwichen, so dass er allmählich von einer richtigen Stinkewolke umgeben war.

„Hallo, du stinkender Dreckspatz, was machst du denn da?“ , hörte er plötzlich eine Stimme neben sich,  und als er aufsah, war da auf einmal noch so einer wie er  - ein zweiter Borkenkäfer und zwar seine Kusine Edeltraut! „Keine Zeit, bin am Arbeiten!“, brummte Willibald, der schon ganz voller Sägemehl war und kämpfte weiter mit der harzenden Fichte. „Warte, ich helfe dir, mir ist es nämlich auch langweilig“ erwiderte diese, landete und fing auch sogleich damit an das viele Sägemehl wegzuräumen (Mädchen sind eben einfach ordentlicher als Jungs!).

Und plötzlich waren da ganz viele Borkenkäfer! Und alle taten das gleiche wie Willibald und Edeltraut. Schließlich hatten die vielen Käfer so viele Löcher gebohrt, dass der Fichtenbaum nicht mehr genug harzen konnte um die Stinker zu vertreiben. Voller Stolz betrachteten die müden Käfer nun ihr zerstörerisches Werk und weil sie müde waren, legten sie sich in den gebohrten Höhlen zum Schlafen hin. Und weil die Bohrkammer groß genug war, hatte Willibald natürlich auch nichts dagegen, als ihn seine Kusine Edeltraut ganz treuherzig fragte, ob sie bei ihm übernachten könne. Und irgendwie muss in dieser Nacht was passiert sein, denn am anderen Morgen waren beide ein Paar und Edeltraut war ein bisschen schwanger!  Von Treue hielt Willibald allerdings nicht sehr viel, und so nahm er gleich die beiden Schwestern von seiner Kusine auch noch bei sich auf  - in seiner Rammelkammer.

Die Rammelkammer - das Brutbild eines Borkenkäfers

1 Rammelkammer mit Einbohrloch

2 Muttergang (Stimmgabelgang)

3 Larvengänge mit Puppenwiegen

Es wurde ein heißer Sommer und Willibald hatte schon im Juni so um die zweihundert Kinder, und im August hatte er als Opa bereits runde zehntausend Enkelkinder! Was für eine Borkenkäfer-Karriere! Und sicher hätte der Grufty im Oktober noch einen Zahn zugelegt und eine dritte Generation ins Borkenkäferleben gerufen - ja, wenn da nicht die Borkenkäferfalle vom Förster Haberkorn gewesen wäre: Die Förster hatten nämlich längst schon bemerkt, dass stinkende Borkenkäfer sich magisch anziehen und so haben sie deren Gestank einfach synthetisch nachgemacht, und Willibald landete in der falschen Rammelkammer  - er bemerkte allerdings seinen Irrtum nicht mehr, denn der Gestank war so grausig-schön, dass Willibald vor Aufregung eine Herzattacke bekam, von der er sich nicht mehr erholte.

Und was können wir Menschen von den Borkenkäfern lernen ?
Vielleicht, dass man´s im Leben weit bringen kann ...
... wenn man „einander gut riechen kann“  - den „Borkenkäfer-Pubser“ sollte man allerdings nicht ganz wörtlich nehmen.

Und übrigens sind Borkenkäfer auch sehr musikalisch: Von der Rammelkammer ausgehend wird von den drei Weibchen der charakteristische „Stimmgabel-Gang“ angelegt  - den kleinen Larven ist sozusagen die Musik damit schon in die Wiege gelegt.

Anonymus Haberkorn, im Januar 1996